21.06.2022

„Practicing Care“: Solidaritäts-Netzwerk einer Kunstuniversität

Die Verleihung einer Ehrenprofessur an die inhaftierte belarussische Flötistin und Aktivistin Maria Kalesnikava, der Antritt einer ersten Artist-in-Residence durch Ljawon Wolski sowie ein Filmabend mit dem Regisseur von „Courage“ Aliaksei Paluyan am 24. Juni an der Universität Mozarteum markieren den Beginn des Aufbaus des Projekts „Practicing Care“.
 
Wie stark sich Menschen auch abseits ihres unmittelbaren familiären und freundschaftlichen Umfelds um andere, unbekannte, fremde Menschen sorgen und kümmern können, hat die Hilfsbereitschaft für die Ukraine seit Beginn des russischen Einmarschs am 24. Februar eindrücklich gezeigt. To Care [engl. für sich kümmern, sich sorgen, sich jemandem oder einer Sache annehmen, füreinander sorgen] wurde einmal mehr Inbegriff einer Menschlichkeit, die weit über persönliche und nationale Grenzen hinausgehen kann. Seit dem Sommersemester 2022 ist „Practicing Care“ auch der Titel eines langfristig angelegten Projekts an der Universität Mozarteum, das die transnationale gesellschaftliche Verantwortung einer Kunstuniversität in den Mittelpunkt stellt. Die zahlreichen neuen Protestformen und dezentralen Care-Netzwerke, die in den Aktivitäten der belarussischen Opposition im Jahr 2020 Ausdruck fanden und vorrangig von Frauen angeführt wurden, standen Pate in der Ausgestaltung des Projektformats. Im Kern steht die Verleihung einer Ehrenprofessur an eine der Leitfiguren der belarussischen Opposition: an die Flötistin und Pädagogin Maria Kalesnikava – wegen ihres mutigen und ermutigenden Einsatzes gegen staatliche Willkür, Folter, Unterdrückung und die Verletzung elementarer Menschenrechte durch ein autoritäres Regime wurde sie vor Kurzem gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen Swetlana Tichanowskaja und Veronica Tsepkalo mit dem Internationalen Karlspreis zu Aachen 2022 ausgezeichnet.
 
Am 24. April 1982 in Minsk geboren, studierte Kalesnikava Flöte und Dirigieren an der Staatlichen Musikakademie in Minsk, anschließend Alte und Zeitgenössische Musik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Sie spielte in verschiedenen Ensembles, unterrichtete Musik in Belarus und Deutschland, arbeitete an zahlreichen transnationalen Musikprojekten und wurde 2019 künstlerische Leiterin des Kulturzentrums „OK-16“ in Minsk. In Opposition zum Regime Lukaschenkos hat sich die Musikerin und Pädagogin dazu entschieden, ihre Flöte zeitweilig gegen ein Megafon zu tauschen und sich für freie Wahlen und Frauenrechte in Belarus einzusetzen: In einem infamen Strafverfahren wurde sie am 6. September 2021 zu elf Jahren Strafkolonie verurteilt.
 
„Um an Hunderte politische Gefangene in Belarus, aber auch in Russland und weltweit zu erinnern, um uns selbst als Lehrende und Studierende an einer Kunstuniversität daran zu erinnern, dass Kunst und Politik, persönliche und gesellschaftliche Freiheit und der Widerstand gegen ihre Unterdrückung nie als getrennte Themen zu behandeln sind, hat der Senat der Universität Mozarteum Maria Kalesnikava am 11. März 2022 eine Ehrenprofessur verliehen“, erläutert der Senatsvorsitzende und Professor für Dramaturgie Christoph Lepschy. Und Rektorin Elisabeth Gutjahr ergänzt: „Maria Kalesnikava lebt uns in beeindruckender Weise vor, wie eine künstlerische Persönlichkeit mit Mut und Entschiedenheit sich brutaler Gewalt entgegenstellen kann. Die Freiheit der Kunst begreift sie als Ermutigung, um für gesellschaftliche Freiheit und friedliches Zusammenleben einzustehen. Mit der Verleihung der Ehrenprofessur verneigen wir uns vor dieser Musikerin und Aktivistin.“ 
 
Da Maria Kalesnikava ihre Ehrenprofessur derzeit aufgrund ihrer Inhaftierung nicht antreten kann, wird „Practicing Care“ u.a. in Form von Einladungen an und Begegnungen mit aktivistischen Künstlerinnen und Künstlern realisiert, die sich auf besondere Weise gesellschaftlich engagieren und sich für demokratische Grundwerte einsetzen, zu denen die Freiheit der Kunst unabdingbar gehört. Im Rahmen von Konzerten, Theaterabenden, Lesungen, Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Performances und Filmvorführungen unterstützt „Practicing Care“ Künstler und Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ermutigen und auch Wege aufzeigen, um für demokratische Überzeugungen einzustehen. Die Universität Mozarteum unterstützt sie dabei, jene Plattformen weiterzuentwickeln und nutzen zu können, die derzeit akut gefährdet sind – vom Krieg in der Ukraine und von den repressiven und autoritären Systemen in Belarus, Russland und anderen Ländern. 
 
Am 24. Juni um 20 Uhr wird im Rahmen einer Filmvorführung im Theater im KunstQuartier des Thomas Bernhard Instituts ein erstes konkretes Zeichen gesetzt. Gezeigt wird der Dokumentarfilm „Courage“ des belarussischen Regisseurs Aliaksei Paluyan: Im Zuge der Präsidentschaftswahlen in Belarus im Sommer 2020 geraten eine Schauspielerin und zwei Schauspieler eines Underground-Theaters in Minsk in den Sog der Massenproteste. Es zieht sie auf die Straßen von Minsk, um lautstark für Meinungsfreiheit und den lang ersehnten Machtwechsel zu protestieren. Doch die Stimme des Volkes wird vom Sicherheitsapparat des Regimes brutal zerschlagen. Mitglieder der Theatergruppe und viele andere Personen werden festgenommen. Das Land steht am Rande eines Bürgerkriegs. „Courage“ begleitet den mutigen und friedlichen Widerstand von Maryna, Pavel und Denis vor und während der Proteste. Der Film wirft einen sehr persönlichen Blick auf die Ereignisse und gibt einen packenden Einblick in das Leben der Menschen im heutigen Belarus, die für ihre Freiheit und das Recht auf Demokratie kämpfen. Im Anschluss an die Filmvorführung findet ein Gespräch mit Regisseur Aliaksei Paluyan sowie Maryna Yakubovich und Pavel Haradnizky statt, die am 25. und 26. Juni außerdem einen Workshop für Studierende der Universität Mozarteum halten.
 
Mit einem Artist-in-Residence-Programm, das offen für alle Kunstsparten ein- bis sechsmonatige Aufenthalte mit einer monatlichen, finanziellen Unterstützung sowie einem vollumfänglichen Reisekostenstipendium anbietet, verschafft die Universität Mozarteum Künstlerinnen und Künstlern zudem Zeit, Raum und Ressourcen, um ihre Arbeit und Forschung voranzutreiben und sich mit anderen auszutauschen. Bis 2024 stehen insgesamt 60.000 Euro für Residencies zur Verfügung. Eine erste Artist-in-Residence wird in Kürze der belarussische Musiker und Schriftsteller Ljawon Wolski antreten, der im Rahmen eines zweiwöchigen Workshops gemeinsam mit Studierenden der Universität Mozarteum die Geschichte und Kultur des Protestlieds erarbeiten wird.
 
Mit all seinen Aktivitäten verschreibt sich „Practicing Care“ einem Handeln im Zeichen einer Politik des Für(einander)Sorgens, die auf einem auf Augenhöhe stattfindenden Austausch von Wissen und Erfahrung basiert. Ein Sinnbild für diese Grundhaltung ist wohl die Erwiderung Maria Kalesnikavas im Rahmen der belarussischen revolution-in-progress, die sie im Sommer 2020 an eine Reihe schwer bewaffneter Polizisten der OMON-Spezialeinheit richtete: „Jungs, passt auf euch auf, wir retten euch, wir sind mit euch bis zum Ende.“
 
Filmvorführung zum Auftakt von „Practicing Care“
„Courage“ von Aliaksei Paluyan
Freitag 24. Juni, 20 Uhr
Theater im KunstQuartier
Im Anschluss: Podiumsgespräch mit Regisseur Aliaksei Paluyan, Maryna Yakubovich und Pavel Haradnizky
 

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